Die Medion-Wetterstation an der Smarthome-Zentrale von Innogy. ©digitalzimmer

Abschied auf Raten: Livisi hält seine Nutzer hin

Wenn die Kritiker Cloud-basierter Smarthomes noch nach Argumenten suchen: Livisi (Link) liefert sie gerade frei Haus. Das Smarthome-System der Livisi GmbH – früher als Innogy Smarthome und davor als RWE Smarthome bekannt – befindet sich seit Ende letzten Jahres in einem unklaren Schwebezustand. Und mit ihm die Nutzerinnen und Nutzer eines der dienstältesten Smarthome-Systeme. Der Livisi Webshop wurde im Dezember 2020 abgeschaltet. Seither gibt es keinen offiziellen Weg mehr, Geräte zu kaufen. Bestandskunden können Reparaturen über den Livisi-Support abwickeln, Neueinsteigern bleibt der Zutritt jedoch verwehrt.

Die Zukunft von Livisi Smarthome: unklar

In der Livisi-Community auf der Webseite erklärte das Unternehmen diesen Schritt mit einer umfangreichen Umstrukturierung des Systems (Link). Statt der bisherigen Innogy-Geräte sollten künftig Produkte von Homematic IP zum Einsatz kommen, außerdem stellte man eine Unterstützung für WLAN-Aktoren von Shelly in Aussicht. Ein knappes halbes Jahr später ist klar, dass daraus wohl nichts wird. Im jüngsten Newsletter vom Mai erklärt Livisi, dass diese Neuerungen „in absehbarer Zeit nicht veröffentlichen werden“ (Link).

„Leider lassen sich derzeit diese Bindings nicht unter Einhaltung unserer Qualitätsansprüche bezüglich Sicherheit, Stabilität und Zuverlässigkeit verwirklichen, weshalb wir diese also in absehbarer Zeit nicht veröffentlichen werden.“

Es kommt aber noch dicker: Auf die selbst gestellte Frage „Was machen wir jetzt und was sollten die Kunden tun?“ hat das Unternehmen keine Antwort. Mittel- oder langfristig soll das System unabhängig von der Cloud werden. Damit hätten Nutzer die Möglichkeit, Geräte zu verwalten und hinzuzufügen, selbst wenn der Server von Livisi nicht erreichbar oder abgeschaltet ist. Mit der aktuellen Software ist das nicht möglich, weil sie von der Cloud abhängt. Mehr dazu im Beitrag Diese Smarthome-Systeme funktionieren auch offline.

Offene Schnittstellen zu anderen Systemen sollen ausgebaut werden. Der mobile Zugang, früher kostenpflichtig, steht Kunden bis auf Weiteres Kostenlos zur Verfügung. Bemerkenswert ist die Aussage, die Geräte sollen „so lange wie möglich genutzt werden können und kein vorzeitiger Elektroschrott werden“. Ja, der Anbieter benutzt das Wort Elektroschrott in diesem Zusammenhang wirklich.

„Für ein nachhaltiges Agieren sollten die vorhandenen Geräte so lange wie möglich genutzt werden können und kein vorzeitiger Elektroschrott werden“.

Womit Livisi in Zukunft Geld verdienen will, geht aus der Kommunikation nicht hervor. Das Unternehmen selbst schweigt sich dazu aus. Seit Monaten versuche ich, wegen eines anderen, langfristig angelegten Projekts, vom jetzigen Betreiber Nagarro eine Aussage zur Zukunft des Systems zu bekommen. Ohne Erfolg.

Cloudbasierte Smarthome-Systeme benötigen zum Betrieb eine Internet-Verbindung. ©digitalzimmer
Cloudbasierte Smarthome-Systeme benötigen zum Betrieb eine Internet-Verbindung.
Das Problem der Cloud-Abhängigkeit

Nutzerinnen und Nutzer des Systems haben schon einiges erlebt. Wer von Anfang an dabei war (2011), wechselte mit RWE Smarthome zur neu gegründeten Tochtergesellschaft Innogy (2016) und landete bei deren Verkauf an E.ON in der Livisi GmbH. Die wiederum hat im Zuge der Neuausrichtung ihres Geschäfts den Betrieb des Systems an einen internationalen IT-Dienstleister übergeben: Seit Anfang 2021 kümmert sich Nagarro iQuest um Livsi Smarthome.

Für die Nutzer proprietärer, Cloud-basierter Systeme sind solche Besitzerwechsel eine Zitterpartie. Was passiert, wenn der neue Eigentümer die Situation anders bewertet, die Smarthome-Lösung gar nicht in sein Portfolio passt oder nicht genug Gewinn abwirft? Im schlimmsten Fall schaltet er die Server ab und legt damit alles lahm.

In den USA ist das bereits passiert: 2016 schaltete Nest seine Smart-Home-Zentrale Revolv ab, nachdem das Unternehmen von Google übernommen worden war (Link). Der Revolv-Hub hätte wohl mit Googles eigenen Smarthome-Plänen konkurriert. Im Juli 2020 führte der US-Anbieter Wink ein Bezahlmodell ein. Ohne kostenpflichtiges Abo erhalten Nutzer keine Software-Updates mehr und können auch keine neuen Geräte hinzufügen (Link).

Eine Betriebsgarantie, wie sie Homematic IP gibt, ist in diesem Bereich die Ausnahme. Der Hersteller sichert zu, dass er „mindestens eine Produktlinie von Homematic-IP-Geräten bis mindestens 31.12.2030 anbietet“ (Link) Auch die zentralen Funktionen für Installation, Konfiguration, Betrieb und Bedienung sowie die Cloud sollen bis dahin verfügbar sein. Unabhängig davon lassen sich Homematic-Geräte an einer CCU-Zentrale auch vollständig offline betreiben.

Wer bis zum vergangenen Jahr auf RWE/Innogy/Livisi-Smarthome gesetzt hat, muss dagegen weiter bangen und hoffen, dass es doch noch eine Lösung gibt, die das System am Laufen hält. Sonst werden seine Geräte für viele hundert oder vielleicht sogar tausend Euro tatsächlich zum Elektroschrott. Die Informationspolitik der letzten Monate gibt da nicht unbedingt Anlass zur Hoffnung. Sie ist – freundlich ausgedrückt – verbesserungsfähig.

2 Gedanken zu „Abschied auf Raten: Livisi hält seine Nutzer hin“

  1. Darum kommt mir ein Cloudsystem nicht ins Haus. Bei mir arbeitet alles lokal mit Raspberry Pi, Conbee Stick und anderen Spezialitäten.

  2. Ich musste gerade schmunzeln als ich auf diesen artikel hin bei google nach Livisi gesucht habe. Eigenbeschreibung:

    Das nahtlose und herstellerunabhängige IoT-Ökosystem. Livisi verbindet Branchen und Hersteller miteinander um die Leben von Verbrauchern zu bereichern …

    Da ist wohl eher der wunsch der vater des gedankens. :-D

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.