IFA 2012: Heimliche Messe der Heimvernetzung

Es gibt spezielle Messen für Heimvernetzung – Veranstaltungen wie die „Light + Building” in Frankfurt oder die „Bautec” in Berlin. Deshalb darf es durchaus als Zeichen gelten, wenn schaltbare Steckdosen, Überwachungskameras und drahtlose Heizkörperventile den Weg auf die IFA finden. Die weltgrößte Elektronikschau unterm Funkturm rückt dieses Jahr nicht nur Smart-TVs und Smartphones ins Rampenlicht, sondern auch das „Smart Home”.

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Die Funksteckdose Fritz!Dect 200 von AVM wird über die Fritz!Box gesteuert. (Bild: AVM)

Lösungen wie Licht-, und Heizungsteuerung oder die Überwachung mit Hilfe von Apps ind bei verschiedenen Herstellern zu sehen. Je nach Herkunft stehen dabei Fernseher und Tablet (Toshiba), der heimische WLAN-Router (AVM) oder die Powerline-Vernetzung per Stromnetz (Devolo) im Mittelpunkt. Der Nutzen für den Wohnungsbesitzer ist immer gleich: Es kann am Bildschirm bestimmte Funktionen seines Hauses fernsteuern – zum Beispiel Funksteckdosen schalten oder Thermostatventile an den Heizkörpern regeln. Als Bedienkonsole dient ein Smartphone mit Android- oder Apple-Betriebssystem respektive ein entsprechendes Tablet. Das hat den Vorteil, dass teure Festeinbauten vom Elektriker überflüssig werden. Die zu steuernden Geräte kommunizieren drahtlos miteinander und lassen sich leicht nachrüsten. So werden Smartphone & Co. einmal mehr zum Treiber neuer Technologien – und machen Lösungen bezahlbar, die bis vor wenigen Jahren nur für wohlhabende Hausbesitzer erschwinglich waren.

Devolo dLAN Live Cam: Überwachung leicht gemacht
Der Aachener Powerline-Spezialist Devolo startet mit einer Kamera, die ihre Bilder über die 230-Volt-Streckdose direkt ins heimische Stromnetz einspeist. Mit einem handelsüblichen dLAN-Adapter von Devolo lassen sich die Aufnahmen dann zu Hause an den Router übergeben, der sie im WLAN und übers Internet abrufbar macht. Eine Gratis-App für iPhone und iPad oder Android-Geräte zeigt das Live-Bild an und schaltet bei Bedarf zwischen mehreren Kameras um, etwa von der Garageneinfahrt ins Baby-Zimmer. Infrarot-LEDs rund ums Objektiv tauchen den Überwachungsbereich in ein für menschliche Augen unsichtbares Licht und sollen auch abends für gute Sicht sorgen. Die Devolo dLAN Live Cam ist ab Oktober für rund 100 Euro erhältlich, ein Starter-Set mit dLAN-Adapter zum Anschluss an den Router wird es ebenfalls geben. Weitere Smart-Home-Produkte sollen laut Marketing-Leiter Christoph Rösseler folgen – schaltbare Steckdosen zum Beispiel.

AVM Fritz!Dect 200: Funksteckdose für die Fritzbox
Die Berliner Firma AVM, bekannt als Erfinder der Router-Familie Fritz!Box, fängt genau damit an: Das erste Smart-Home-Produkt von AVM ist eine intelligente Steckdose. Fritz!Dect 200 (Bild oben) kann – ähnlich wie ein schnurloses Telefon – mit der DECT-Basis in vielen Fritzbox-Modellen Kontakt aufnehmen. Per App lässt sich so ein angeschlossenes Gerät an- oder abschalten, mit Hilfe des kostenlosen Cloud-Dienstes „MyFritz” auch übers Internet. Gleichzeitig sammelt der Router Daten zum Stromverbrauch, dokumentiert sie über einen längeren Zeitraum und kann die Informationen automatisch per E-Mail verschicken. Ein Anwendungsgebiet für Fritz!Dect 200 sind laut Urban Bastert, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Fritzbox-Nutzer, die von unterwegs auf ihre gespeicherten Daten zugreifen müssen, ihre Netzwerk-Festplatte oder den PC aber nicht rund um die Uhr laufen lassen wollen. Auch eine Anwesenheitssimulation mit programmiert ein- und ausschaltenden Leuchten während es Urlaubs ist damit möglich. Und ganz nebenbei demonstriert die Steckdose, wie AVMs Router sich künftig zur Steuerzentrale für ein Smart Home ausbauen lassen. Fritz!Dect 200 soll nach der IFA zunächst über das FritzLabor auf der Firmenwebseite erhältlich sein.

Gigaset, Joonior, RWE & Co: Komplettlösungen zum Nachrüsten
Systeme wie „Gigaset Elements”, „Joonior” von Telefunken Smart Building oder „RWE Smart-Home” nutzen keine vorhandene Netzwerk-Infrastruktur, sie bringen eigenen Funkzentralen mit. Die nachrüstbaren Haussteuerungsanlagen sind ebenfalls auf der IFA zu sehen, teilweise schon erhältlich (RWE, Telefunken) oder für 2013 angekündigt (Gigaset). Ein Netzwerk-Kabel stellt bei ihnen die Verbindung zum Router und zum WLAN her. Konfiguriert werden die Systeme wie bei AVM oder Devolo am PC oder mit Hilfe einer App. Hauptsächlicher Unterschied: Es gibt nicht nur Steckdose oder Kamera, sondern verschiedene sogenannte Sensoren und Aktoren – vom Rauch- und Bewegungsmelder über Fenstergriffe, die das Öffnen und Schließen registrieren, bis hin zu Heizkörperventilen (siehe Artikel-Links unten auf dieser Seite). So lässt sich die Installation auch nachträglich ohne großen Umbau durch den Zukauf von Modulen erweitern.

Die Preise beginnen bei unter 300 Euro für ein Startpaket, können aber schnell in den vierstelligen Bereich steigen. Denn die Funksteckdosen, fernsteuerbaren Lichtschalter oder vernetzten Rauchmelder sind nicht billig: Zwischen 40 und 80 Euro verlangt zum Beispiel RWE für seine Smart-Home-Erweiterungen. Joonior von Telefunken ist in der Anschaffung noch etwas teurer, richtet sich allerdings auch eher an technisch versierte Konsumenten oder Installateure. Das Smart Building-System von Telefunken nutzt teilweise batterielose Technik der EnOcean Alliance. So erzeugt der funkende Joonior-Fenstergriff die zum Betrieb nötige Energie automatisch beim gelegentlichen Drehen des Griffs. Temperatur- und Feuchtesensoren versorgen sich über Solarzellen selbst mit Strom.

Mit der Anschaffung ist es oft aber nicht getan. Es entstehen Folgekosten, weil sich die Anbieter Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Smart Home extra bezahlen lassen. So kostet der Fernzugriff vom Smartphone unterwegs bei der RWE Effizienz GmbH nach zwei kostenlosen Jahren eine monatliche Service-Pauschale (5 Euro) und E-Mail- oder SMS-Benachrichtigungen werden ebenfalls berechnet. Ob sich solche versteckten Kosten am Markt dauerhaft durchsetzen lassen, muss die Praxis zeigen. Je mehr Anbieter auf dem Markt konkurrieren, desto billiger dürften Installation und Betrieb für die Kunden werden.

digitalzimmer.de meint: Intelligente Gebäudetechnik ist kein reines „Bauherren-Modell” mehr. Mit nachrüstbaren Funklösungen können auch Mieter oder Altbau-Besitzer den Komfort eines Smart Homes genießen. Das scheinen etliche zu wollen: Laut einem Artikel in der Financial Times Deutschland hat RWE bereits eine fünfstellige Zahl seiner Smart-Home-Zentralen verkauft. Allerdings fehlt für einen Massenmarkt noch der langfristige Nutzen. Schaltbare Steckdosen und funkende Rauchmelder dürften nicht ausreichen, um Millionen Deutsche von den Segnungen eines Smart Home zu überzeugen. Das könnte sich ändern, wenn die Energiewende Strom und Heizung so teuer macht, dass ein vernetztes Haus bares Geld spart. Auf jeden Fall scheint der Trend zu intelligenten Produkten mit Smartphones und Smart-TVs noch nicht am Ende. Er fängt gerade erst an.

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