Funksteckdose im Mülleimer.

Nachhaltigkeit im Smarthome – wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Kontaktbeschränkungen der letzten Wochen haben zu einer neuen Häuslichkeit geführt. Wir verbringen mehr Zeit daheim als früher. Viele Menschen arbeiten im Home-Office und wenn der Job es zulässt, wird geputzt, renoviert oder saniert. Was nicht zuletzt auf die geöffneten Baumärkte zurückzuführen ist. Ein Besuch bei Hornbach, Obi oder Toom war einen Monat lang das einzige Shopping-Erlebnis, das die veränderte Situation noch zuließ.

Einige Stubenhocker dürften sich in ihrer Freizeit gerade neu mit dem Smarthome-Virus infizieren.

Vom Instandsetzungs-Boom wird auch die Heimvernetzung profitieren. Ich kenne keine Dunkelziffern aber einige Stubenhocker dürften sich in ihrer Freizeit gerade neu mit dem Smarthome-Virus infizieren. Sie haben einfach mehr Muße, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zumindest jene, die nicht um das Leben von Patienten ringen, am Rande des finanziellen Ruins stehen oder die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse sicherstellen.

Unfreiwillig mehr Zeit für Basteleien im Smart Home als sonst. ©digitalzimmer

So gesehen ist die Beschäftigung mit Haustechnik ein Luxusthema. Dieser Erkenntnis sind schon einige meiner geplanten Blog-Beiträge hier zum Opfer gefallen. Denn wenn das Land herunterfährt, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen, erscheint mir manches nicht mehr so relevant. Auch über den Artikel zum smarten Home-Office habe ich ungewöhnlich lange nachgedacht.

Ein Thema beschäftigt mich jedoch wie viele andere: Wie soll es weitergehen, wenn die „neue Normalität“ den Alltag bestimmt. Dass Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen uns über lange Zeit begleiten werden, dürfte mittlerweile selbst den größten Fans von Herdenimmunität und Biergartenöffnung dämmern. Klar ist auch, dass die Wirtschaft keinen monatelangen Lockdown durchhält. Aber muss danach alles genauso werden wie zuvor?

Ich glaube nicht. Der Trend zu Homeoffice und Homeschooling wird sich hoffentlich fortsetzen. Dass jedes Kind ab einem gewissen Alter Zugang zu einem Notebook oder Tablet haben sollte, darf keine Idee aus dem Entwicklungshilfeprogramm für Länder der Dritten Welt sein – auch wenn sie daher stammt („One Laptop per Child”). Sie wirkt nur so lange prohibitiv, wie es diesen Zugang nicht gibt. Danach kann digitales Lernen sogar helfen, Unterschiede zwischen den Schülern auszugleichen. Weil Online-Schule sich an den Wissensstand und das Lerntempo der Kinder anzupassen vermag, besser als jeder Frontalunterricht vor einer 30-köpfigen Klasse.

Nachhaltiger wirtschaften heißt: Nicht immer mehr Produkte verkaufen, sondern mehr hochwertige.

Meiner Meinung nach werden diejenigen Länder und Ökonomien aus der Krise am besten hervorgehen, die wissensbasiert und auf der Basis von Fakten entscheiden. In denen nicht Impfgegner und Verschwörungstheoretiker den öffentlichen Diskurs bestimmen, oder gar von Populisten zum Aufstand angestachelt werden. Der Neustart birgt Chancen. Wir können Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit korrigieren und auf ein nachhaltigeres Wirtschaften achten. Eine Ökonomie, die nicht auf Wachstum um jeden Preis setzt und keine bedingungslose Gewinnmaximierung verlangt, wäre für die Menschen gut – und für den Planeten.

Wie viele verschiedene Funklampen-Modelle braucht die Welt eigentlich? ©digitalzimmer

Was das alles mit Smart Home zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn aktuell befindet sich der Markt noch ziemlich am Anfang seiner Entwicklung. Wer in Hausautomatisierung investiert, ist entweder ein Technik-Geek – so wie ich – oder wohlhabend genug, um die Installation einem Fachbetrieb zu überlassen. Die Vorstellungen, was das Ganze kosten darf, gehen dabei weit auseinander.

Umfrage: 74 Prozent der Deutschen würden nicht mehr als 200 Euro für ein Smart Home ausgeben.

Fragt man Verbraucher, wie viel sie ausgeben möchten, kommen teilweise sehr niedrige Beträge dabei heraus. So wie in einer deutschlandweiten Umfrage des Online-Einrichters moebel24 aus dem letzten Jahr. Darin nannten 74 Prozent der 2000 Teilnehmer einen Höchstbetrag von 200 Euro (LINK). Auf Twitter fragte ich im März, welche laufenden Kosten meine Leser und Follower für den Unterhalt eines Smarthome-Systems akzeptieren würden. Die Mehrheit von 56 Prozent antwortete: gar keine.

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Das spiegelt recht gut das allgemeine Konsumverhalten wider. In manchen Bereichen ist uns der Sinn für Werte irgendwie verloren gegangen. Dann bestimmen nicht mehr die wahren Kosten einer Leistung den Preis, sondern die Marktbedingungen. Diese geben bekanntlich für Arbeiter in der Automobilindustrie deutlich mehr Einkommen her als im Gesundheitswesen. Sie sorgen dafür, dass Schweineschnitzel beim Discounter 5,99 Euro pro Kilo kosten und T-Shirts im Kleidermarkt ab 2 Euro das Stück.

Dass niedrige Erzeugerpreise häufig zulasten anderer gehen – dass sie mit Umweltschäden, schlechten Arbeitsbedingungen im Herkunftsland oder Tierleid erkauft werden – steht dabei leider nicht auf dem Kassenzettel. Oder es wird billigend hingenommen: 80 bis 90 Prozent des verkauften Fleischs im Supermarkt kommen laut „Lebensmittel Praxis“ aus Stallhaltung der einfachsten Kategorie – auf dem Tierwohl-Label als niedrigste von vier Stufen ausgewiesen (LINK). Unwahrscheinlich, dass 80 bis 90 Prozent der Käufer sich nur diese billigste Variante leisten können.

Beim Thema Heimvernetzung scheint es ähnlich zu sein, wenn ich mir die Smarthome-Besteller auf Amazon & Co. anschaue: Vier WLAN-Steckdosen einer Noname-Marke zum Preis von 40 Euro, WiFi-Lampen für 10 Euro das Stück. Der Preis regiert, und wenn ein Produkt nicht den Erwartungen entspricht, kann es ja zurückgeschickt werden. Kostenlos versteht sich. Alternativ landet es im Müll. Ob der Anbieter eine deutsch übersetzte App und Kundenservice liefert, ob er Sicherheitslücken schließt oder nächstes Jahr überhaupt noch existiert, spielt dann ohnehin keine Rolle mehr.

Wie nachhaltig sind vernetzte Produkte im Smart Home? Eine etwas scheinheilige Debatte.

Es wäre allerdings zu kurz gesprungen, diesen Zustand nur den Verbrauchern anzulasten. Der Erfolg von Slogans wie „Ich bin doch nicht blöd“, „Geiz ist geil“ oder „Unterm Strich zähl‘ ich“ hat viele Väter. Dabei möchte ich Medien und Themen-affine Blogs wie diesen gar nicht ausschließen. Wann ist in der Berichterstattung über neue Produkte schon mal von Nachhaltigkeit und Verantwortung die Rede?

Ausnahmen bestätigen die Regel. So musste Sonos unlängst viel Kritik für seine Ankündigung einstecken, die Software-Unterstützung für ältere Produkte einzustellen. Die Aufregung in den sozialen Netzwerken schlug so hohe Wellen, dass CEO Patrick Spence sich öffentlich an die Kunden wandte (LINK). Um ihnen zu versichern, dass ihre Lautsprecher nicht plötzlich unbrauchbar würden.

Ältere Zone-Player und die Sonos Bridge erhalten künftig nur noch die nötigsten Updates.

Gerade Sonos in dieser Frage zum Sündenbock zu machen, wirkt allerdings scheinheilig. Denn kaum ein vernetztes Audiosystem ist so lange auf dem Markt und erfährt so regelmäßige Software-Updates wie die Multiroom-Lösung aus Kalifornien. Erinnert sich noch jemand an Jongo-Lautsprecher von Pure Audio? An Peaq Munet aus dem Hause MediaMarkt/Saturn? An Music Flow von LG oder AllPlay-Lautsprecher von Panasonic und Lenco? An Harman Omni oder Samsungs Wireless Audio 360? Es meldeten sich auffällig wenige Tech-Influencer zu Wort, um das Ende dieser Multiroom-Systeme zu beklagen. Deren klammheimliches Ableben gehörte zur Konsolidierung des Multiroom-Angebots einfach dazu.

Doch wenn ein Name sich als Aufreger anbietet, der gut als Suchbegriff bei Google taugt, dann entdecken manche Online-Publizisten den Umwelt- und Verbraucherschützer in sich. Sie fordern langlebigere Produkte – um im nächsten Beitrag gleich wieder Neuheiten und Gadgets abzufeiern. Ob die Smarthome-Geräte aus China dabei nachhaltig produziert sind? Wer weiß das schon? Wirkungsberichte, wie sie Apple (LINK), Fairphone (LINK) oder Shiftphone (LINK) abliefern, haben Seltenheitswert in der Branche. Meist ist unklar, aus welchen Quellen die Rohstoffe für Chips und Platinen stammen. Und niemand kann sagen, ob ein Gerät am Ende wirklich auf dem Wertstoffhof zum Recycling landet, wenn der Smarthome-Fan es zugunsten neuer Hardware austauscht. Am allerwenigsten der Blogger, der den Nachfolger so begehrenswert anpreist.

Google belohnt häufige Berichterstattung mit mehr Traffic, Amazon bezahlt Provision beim Verkauf von Geräten.

Da muss ich mich auch an die eigene Nase fassen. Denn die meisten Beiträge auf digitalzimmer.de stellen Produkte vor, ohne auf das Thema Nachhaltigkeit besonders einzugehen. Recherchen dazu sind schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Selbst Langzeit-Tests von mehreren Monaten sagen wenig darüber aus, wie haltbar ein Produkt ist. Nur selten treten Konstruktions- oder Materialmängel schon während dieser Zeit auf. So helfen meine Artikel vor allem dabei, eine fundierte Kaufentscheidung zu treffen. Das vermeidet Plastikmüll und Elektroschrott, weil weniger weggeworfen wird. Aber dieser Blog lebt eben auch von Produktneuheiten und Nachrichten. Und ein wenig davon, dass Besucher auf Google-Banner oder Amazon-Affiliate-Links klicken, um Geräte zu kaufen.

Werbung und Affiliate-Links zu Online-Shops bringen den Webseitenbetreibern Geld. Bild: iStock

Trotzdem geht es mir nicht darum, den Umsatz anzukurbeln. Es wird auch künftig bei gelegentlichen Blog-Beiträgen bleiben – auf die Gefahr hin, dass andere Seiten mit täglichen News, regelmäßigem Output und Schnäppchenangeboten mehr Aufmerksamkeit erregen. Die Strategie vor Corona war: Um jeden Preis nach vorne rudern, im Markt die Mitbewerber verdrängen und möglichst viel Öffentlichkeit bekommen. Das galt für Internetmedien genauso wie für den hundertsten Hersteller von Smart-Home-Produkten.

Alle übernehmen Verantwortung: Anbieter, Käufer und Berichterstatter. Dann klappt’s auch mit dem Smarthome.

Das vernetzte Heim von morgen sieht hoffentlich anders aus. Dazu können alle beitragen. Wir Konsumenten, indem wir ab und zu unser Kaufverhalten überdenken. Darf eine LED-Lampe, die viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hält, nur so viel kosten wie eine Pizza beim Italiener? Ist der Gegenwert eines Cappuccino im Monat schon zu viel für ein Smarthome-Abo, das Arbeitsplätze sichert? Und wie viel Wegwerf-Mentalität wollen wir überhaupt zulassen?

Wer zum Thema publiziert, sollte sich im Klaren sein, dass er eine Verantwortung gegenüber seinen Lesern hat. Auch wenn Google sie goutiert, ist nicht jede wiedergekäute Pressemitteilung einen Artikel wert. Man stelle sich vor, alle würden ausschließlich darüber schreiben, was sie wissen oder recherchiert haben, statt Aussagen anderer ungeprüft zu übernehmen. Sowas hieß früher Journalismus, ist heute aber eher ein Ausdruck von Idealismus. Nach dem Motto: Nicht das Erreichte zählt, das Erzählte reicht.

Und dann sind da noch die Hersteller, denen es leider oft an Offenheit und Willen zur Zusammenarbeit mangelt. Die Vielzahl inkompatibler Systeme verhindert einen Massenmarkt. Wer als Kunde fürchtet, aufs falsche Pferd zu setzen, wettet lieber gar nicht oder investiert in günstige Produkte, um den potenziellen Verlust zu begrenzen. Das ist weder nachhaltig noch wirtschaftlich sinnvoll.

Wenn es Schnittstellen gibt, verlieren Fehlinvestitionen jedoch ihre Schrecken. Vielleicht können dann keine 50 Anbieter mehr fast dieselben Sensoren verkaufen. Aber weil der Markt sich verfünffacht, profitieren alle davon. Etwas Nachhaltigkeit würde schon dadurch entstehen, dass die Koppelung an einen Hersteller wegfällt – so wie es in manchen Systemen bereits der Fall ist. Ein schöner Traum, ich weiß. Aber wann, wenn nicht jetzt, sollte man ihn träumen.

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