Was heißt hier eigentlich Dolby Atmos?

Nicht überall wo Atmos draufsteht, ist ein Raumklang-Erlebnis wie im Kino drin. Der Begriff wird leider etwas inflationär gebraucht.

Das Rennen scheint gelaufen: Unter den neuen 3D-Surround-Standards liegt Dolby Atmos mit Abstand vorn. Das Audioformat aus den kalifornischen Dolby Laboratorien ist nicht nur auf Blu-ray-Disc zu finden, es kommt auch bei vielen Streaming-Anbietern zum Einsatz. Amazon, Apple, Disney, Maxdome und Netflix nutzen es – wenn auch meistens für die englische Originalfassung. Deutsch synchronisierte Atmos-Tonspuren haben derzeit noch Seltenheitswert.

Blu-ray, Streaming, Videospiele – Dolby Atmos hat Konkurrenzsysteme wie DTS:X weitgehend abgehängt.

Schon jetzt avancieren der Name und das Atmos-Logo zum Synonym für besten Raumklang. Kaum ein Surround-System, das etwas auf sich hält, kommt mehr ohne die Lizenz aus. Selbst Multiroom-Spezialist Sonos – bislang der große Formatverweigerer und Verfechter des über 20 Jahre alten Dolby Digital – hat seine neue Soundbar entsprechend aufgerüstet. Es gibt TV-Geräte, Kopfhörer, Notebooks und sogar Tablets mit Dolby Atmos.

Auf immer mehr Geräten zu finden: das Logo von Dolby Atmos. Bild: digitalzimmer

Was mich daran stört: Die Werbung mit dem Format suggeriert immer ein Klangerlebnis, das höchsten Ansprüchen genügt. Als Vorbild dienen schließlich High-End-Kinos wie die Dolby Cinemas, von denen es in Deutschland bislang nur ein einziges gibt, den Mathäser Filmpalast in München (LINK). Zählt man alle Lichtspielhäuser mit Atmos-Ton zusammen, kommt man auf einige Dutzend. Der Lautsprecherhersteller Teufel hat sie auf seiner Webseite zusammengestellt (LINK). Jedoch ist die Übersicht nicht mehr ganz aktuell.

Wie soll nun ein Tablet oder Notebook diesem hohen Klanganspruch gerecht werden? Ganz einfach: gar nicht. Auch Soundbars oder TV-Geräte mit integrierten Atmos-Lautsprechern reichen niemals ganz an das Kinoerlebnis heran. Um das zu verstehen, spulen wir einmal kurz zurück um zu erklären, was Dolby Atmos eigentlich ist.

Original Atmos-Sound kommt von allen Seiten – sogar von oben, wenn der Toningenieur im Studio es wünscht.

Als sogenanntes objektbasiertes Format speichert Atmos seine Toneffekte nicht mehr in Lautsprecherkanälen. Die Surround-Signalerweiterung enthält keine fertig abgemischten Kanäle, sondern einzelne Schallereignisse. Ihre Position im Raum wird über Koordinaten festgelegt. So können die Sound-Designer ein Geräusch nicht nur seitlich, vor oder hinter dem Zuschauer platzieren, sondern auch direkt über ihm. Typisches Beispiel: Regen, der aus Baumkronen tropft, oder Hubschrauber, die über den Köpfen der Zuschauer kreisen. Ein Atmos-Decoder oder -Prozessor weist diese Klangereignisse während der Wiedergabe dann den vorhandenen Lautsprechern in der Surround-Anlage zu.

Im Kino können das eine ganze Menge sein. So nutzt das bereits erwähnte Dolby Cinema im Mathäser zum Beispiel acht Subwoofer und 116 weitere Lautsprecher auf insgesamt 51 Verstärkerkanälen. Klar, dass sich so etwas zu Hause im Wohnzimmer nicht realisieren lässt. Hier besteht ein typisches Atmos-Setup aus 5.1 oder 7.1 Kanälen – ergänzt um zwei oder vier Boxen an der Decke. Ihre Anzahl wird an die bisherige Nomenklatur angehängt. Entsprechend heißt so eine Konfiguration dann 5.1.2 / 5.1.4 oder 7.1.2 / 7.1.4.


Zwei Verfahren in Konkurrenz: Dolby Vision und HDR 10

Was Dolby Atmos für den Ton ist Dolby Vision fürs Bild: eine Technologie die bessere Qualität im Heimkino verspricht. Und wie im Audiobereich gibt es verschiedene, konkurrierende Systeme. Mehr dazu im Blog-Beitrag HDR und Dolby Vision – was ist der Unterschied?


Natürlich ist selbst dieser reduzierte Umfang in vielen Wohnräumen schwer unterzubringen. Deshalb nutzen einige Atmos-Soundbars nach oben angewinkelte Lautsprecher-Chassis, die ihren Schall zur Decke lenken. Von dort wird er in Richtung Zuschauer reflektiert. Auch spezielle Atmos-Lautsprecher fürs Heimkino setzten auf dieses sogenannte Upfiring-Prinzip. Es spart die Installation zusätzlicher Deckenlautsprecher. Andere Lösungen verzichten auf das Klangbillard und erzeugen „virtuellen 3D-Sound“ komplett mit digitaler Signalverarbeitung. Im Extremfall handelt es sich dabei um einfache 2.1-Systeme mit zwei Schallwandlern plus Subwoofer – ohne Center-Kanal, rückwärtige Boxen oder andere externe Unterstützung. Dass so eine Atmos-Installation mit dem Original im Kino nur noch den Namen gemein hat, versteht sich von selbst.

Echtes Kino-Erlebnis: Saal mit Atmos-Lautsprechern im Traumpalast Backnang. Bild: Traumpalast

Nichts gegen „Casual Surround“, also bedienungsfreundliche und leicht installierbare Systeme. Aber der Vorteil von Dolby Atmos in 2.1-Anlagen, Notebooks oder Tablets erschließt sich mir nicht so ganz. Für solche Produkte stellt schon die Wiedergabe bisheriger 5.1-Programme in Dolby Digital eine Herausforderung dar. Dass Hersteller mit Atmos werben, ist nachvollziehbar. Und Dolby scheint mit der Vergabe des Namens nicht sehr wählerisch zu sein. Ein Branchen-Insider hat mir gegenüber vermutet, dass die Kalifornier wohl nicht allzu traurig waren, nach dem Auslaufen ihrer Dolby-Digital-Patente ein neues Lizenzmodell gefunden zu haben.

Dolby scheint mit der Vergabe seiner Atmos-Lizenzen nicht besonders wählerisch zu sein.

Doch wenn nun Fans in Facebook-Gruppen und Foren darüber diskutieren, ob sie ihr Soundsystem durch eines mit Dolby Atmos ersetzen sollen, möchte ich zur Vorsicht raten. Die Bezeichnung ist kein Qualitätssiegel. Es gibt klassische Soundbars und 5.1-Systeme, die so manche abgespeckte Atmos-Neuheit an die Wand spielen. Zumal das 3D-Surround-Signal über seinen Kern (Core) mit Dolby Digital kompatibel ist. Es besteht also kein Grund zur Sorge, dass Atmos-Programme auf der bisherigen Anlage stumm bleiben könnten.

Umgekehrt macht die Ausstattung umso mehr Sinn, je flexibler und hochwertiger die Surround-Anlage ist. Würde ich heute einen neuen AV-Receiver anschaffen, wäre Dolby Atmos durchaus ein Kaufkriterium – obwohl ich derzeit noch gar keine Deckenlautsprecher oder Upfiring Speaker im Wohnzimmer installiert habe. Das kommt erst bei der nächsten Renovierung, wenn die Kabel unter Putz verschwinden können. Aber zum Glück stellt sich mir diese Kaufentscheidung nicht: Der aktuelle Denon-AVR bringt Atmos schon mit.

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